Lieber Egmund
Lieber Egmund -vielleicht wunderst du dich, dass ich immer noch unterwegs bin. Mich wundert es nicht mehr, denn ich wurde an einen fremden Platz gestellt, kurzfristig. Es scheint so zu sein, in diesem Ort, dass gerade derjenige, der sich nicht sogleich zuordnen lässt, weil er sich die Freiheit nimmt, um die gebotenen Schubladen herum zu laufen, flexibel wie er ist, auf dem Spielbrett wie eine Figur geschoben wird. Ich kann mich darüber nicht verdrießen. Innerlich ein wenig freier als andere, äußerlich mal hier mal dort. Du kennst das, warst ja selbst lange genug im Ausland.
Dir zu schreiben bedeutet, mich zu zentrieren, auf die Tastatur beispielsweise. Dieser Moment kommt mir wertvoll und gut vor. Doch von oben betrachtet bin ich nicht mal sichtbar. Auf einem Zeitstrahl der Weltgeschichte gesehen hinterlassen meine geschriebenen Gedanken ungefähr so viele Spuren, wie die Bewegung eines Grashalms an einem Frühlingsmorgen, wenn der Tautropfen von ihm herunterperlt und sich seine Spitze der Sonne zuwendet. Das gilt für den Halm, für mich aber auch für andere auf diesem Spielbrett. Nur diese scheinen es weniger deutlich wahrzunehmen. Es ist alles wichtig, was sie tun. Wenn ich mich zu lange in ihrer Umgebung aufhalte, wirkt ihr Selbstverständnis wie ein Virus. Man spuckt, hustet und prustet, niest und hinterlässt ... ach, lassen wir das. Beenden wir die Umschreibung bei: man hinterlässt.
Eine Hinterlassenschaft fand ich neulich in einem rostigen Drahtwagen. Er stand an einem Flussufer, nach den starken Regenfällen. In dem Wagen hatte sich eine Art Einkaufzettel verfangen. Eine handgeschriebene Liste. Sie war in zwei Spalten eingeteilt. Auf der einen Seite fanden sich: 3 Gewalt, 7 Kinder weg, 2 Küken arabisch, 2 Depression, 1 x manisch, 2 Tod, 2 Sucht, 1 Kopftuch, 1 Liebe frisch, 1 Liebe gebraucht, 2 Nachkommen. Demgegenüber stand: 2 Wein ungeöffnet, 1 Nikolaus aufgegessen, 1 Urlaub.
Es war ein Zettel aus einem ärztlichen Rezeptblock. Auf der Vorderseite fand sich eine Empfehlung für eine Teemischung aus Kümmel, Anis und Fenchel, mit der Bemerkung, man solle Ballaststoffe meiden, insbesondere, wenn man nicht genug trinke.
Ich habe den Zettel in den Fluss wehen lassen, bevor ich mich zum Bahnhof begab. Und nun komme ich zu der Beobachtung der kleinen Menschen, um die du mich gebeten hast. Sie kaufen in der Unterführung mit ihrem Telefon ein. An den gekachelten Wänden, an denen sonst Sprüche und Urin zu finden sind, kleben jetzt beleuchtete Plakate mit Essen drauf. Unten in der Ecke sind kleine, schwarz-weiße Symbole. Die werden von den eifrig umherlaufenden kleinen Menschen photographiert und gesendet. Der Empfänger fährt dann die Sachen zu ihnen nach Hause. Möglicherweise schneller, als die Absender mit dem Zug im Feierabend sind, möglicherweise auch nicht. Es wird noch untersucht, ob die, ich nenne sie Nudelboxen, den Verkehr in der Stadt zum Erliegen bringen.
Was mich zum Ausgangspunkt meines Briefes zurückbringt. Ich werde hier wohl noch eine Weile verbringen. Morgen spiele ich auf einem anderen Brett, zwei Stunden und eine weitere Welt entfernt von hier.
Ach, fast vergessen: Ballaststoffreiche Nahrungsmittel sind nicht unter der Erde zu knipsen, nur leichte Kost.
Liebe Grüße -
Deine Evi.
Eine Hinterlassenschaft fand ich neulich in einem rostigen Drahtwagen. Er stand an einem Flussufer, nach den starken Regenfällen. In dem Wagen hatte sich eine Art Einkaufzettel verfangen. Eine handgeschriebene Liste. Sie war in zwei Spalten eingeteilt. Auf der einen Seite fanden sich: 3 Gewalt, 7 Kinder weg, 2 Küken arabisch, 2 Depression, 1 x manisch, 2 Tod, 2 Sucht, 1 Kopftuch, 1 Liebe frisch, 1 Liebe gebraucht, 2 Nachkommen. Demgegenüber stand: 2 Wein ungeöffnet, 1 Nikolaus aufgegessen, 1 Urlaub.
Es war ein Zettel aus einem ärztlichen Rezeptblock. Auf der Vorderseite fand sich eine Empfehlung für eine Teemischung aus Kümmel, Anis und Fenchel, mit der Bemerkung, man solle Ballaststoffe meiden, insbesondere, wenn man nicht genug trinke.
Ich habe den Zettel in den Fluss wehen lassen, bevor ich mich zum Bahnhof begab. Und nun komme ich zu der Beobachtung der kleinen Menschen, um die du mich gebeten hast. Sie kaufen in der Unterführung mit ihrem Telefon ein. An den gekachelten Wänden, an denen sonst Sprüche und Urin zu finden sind, kleben jetzt beleuchtete Plakate mit Essen drauf. Unten in der Ecke sind kleine, schwarz-weiße Symbole. Die werden von den eifrig umherlaufenden kleinen Menschen photographiert und gesendet. Der Empfänger fährt dann die Sachen zu ihnen nach Hause. Möglicherweise schneller, als die Absender mit dem Zug im Feierabend sind, möglicherweise auch nicht. Es wird noch untersucht, ob die, ich nenne sie Nudelboxen, den Verkehr in der Stadt zum Erliegen bringen.
Was mich zum Ausgangspunkt meines Briefes zurückbringt. Ich werde hier wohl noch eine Weile verbringen. Morgen spiele ich auf einem anderen Brett, zwei Stunden und eine weitere Welt entfernt von hier.
Ach, fast vergessen: Ballaststoffreiche Nahrungsmittel sind nicht unter der Erde zu knipsen, nur leichte Kost.
Liebe Grüße -
Deine Evi.
