Diebstahl ohne Anklageschrift
Er war ein Student. Jurastudent, um genau zu sein. Um noch genauer zu sein, hatte er neben Jura auch Soziologie belegt. Auf der Suche nach einem Thema für eine Hausarbeit fand er es bei sich selbst, zunächst. „Finden“ war allerdings zu viel gesagt. Er fand einen Verlust. Er war bestohlen worden. Mehrfach.Es war nicht so, dass er genau sagen konnte wann die Taten geschahen, da er den Verlust meist nicht sofort merkte. In Schüben bemerkte er es vermehrt an Montagen, meist morgens, und an Freitagen, meist abends. Es konnte sein, dass der Diebstahl nachts geschah, doch womöglich auch am Tage, sozusagen wenn er dabei stand. Auch der Umfang des Diebesgutes ließ sich nicht mit Bestimmtheit festhalten. Sicher war nur, dass der Raub ohne sichtbare körperliche Blessuren am Geschädigten verübt wurde. Es kam auch vor, dass der Student selbst nicht merkte, dass etwas fehlte. Seine Umgebung sprach ihn dann darauf an. Es gab aber auch Momente, in denen der Bestohlene augenblicklich merkte, dass ihm etwas entwendet worden war, weil er es auf den Punkt genau gebraucht hätte. Dann war es nicht zu finden. Nicht im Bett unter der Decke, nicht zwischen den Krümeln unter dem Küchentisch, selbst nicht an den entlegensten Orten, wie in der breiten Fußleistenritze. Diese wäre in der Lage gewesen ganze Vermögen zu schlucken, hätte er sie besessen. Wenn er seine Hausarbeit richtig angehen wollte, brauchte er neben der eigenen Erfahrung auch eine zu untersuchende Gruppe und am besten daneben eine Kontrollgruppe. Die Arbeit musste wissenschaftlich angelegt sein. Er musste zunächst herausfinden, ob es andere Menschen gab, denen ähnliches geschah. Hier zögerte er. Wenn er das erfragen und wissenschaftlich fundiert zur Untersuchung machen wollte, brauchte er eine treffende Beschreibung seines Themas. Er kannte das Verfahren ja und bisher war es ihm nicht mal gelungen, die für eine Anzeige mit folgender Ermittlung notwendigen Fakten zu liefern. Ort, Zeit, Gegenstand und Wert des gestohlenen Gutes mussten benannt werden. Wie bereits ausgeführt, konnte er Ort und Zeit nicht zu Protokoll geben. Unmöglich war es, den Wert zu beziffern. Es war im schleierhaft, wie er das taxieren sollte. Es ließ sich keine Messgröße bilden, die zu jeder Tateinheit passte. Die Sache war mal mehr, mal weniger wert. Dazu kam, was ihm manchmal sehr viel wert war, wurde von anderen überhaupt nicht geschätzt - manchmal war es umgekehrt. Während er seinen Stift kauend vor den Notizen hockte, wurde er ganz kribbelig. Was, wenn es anderen Menschen auch so erging? Was, wenn es vielen Menschen so ging? Was machten die Diebe mit dem Diebesgut? Wer profitierte davon? Wo kam es hin? Auf einen großen Haufen? Wurde es versteigert, geschmuggelt? Heiß unter der Hand gehandelt? Oder im besten Fall gespendet? Robin Hood. Ihm war, als stünde er vor einem gedanklichen Durchbruch, um die Diebstahlserie gleich zu klären. Die Sache ergab ein Muster. Stehlen und bestohlen werden. Ein Kreislauf. Die, die nicht in der Lage sind zu stehlen, zu klein, zu alt, zu schwach, erhielten es. Die, die Staub aufwirbelten und sich dabei auch oft im Kreise drehten, wurden beklaut. Was vielleicht auch gut so war, so hatten sie weniger davon, um möglicherweise im Grunde genommen unsinnige Taten zu tun, hätte sie mehr Gelegenheit dazu gehabt. Des Rätsels Lösung oder nur eine These? Er hatte sich die Uhr gestellt. 45 Minuten waren vergangen, draußen wurde es dunkel. 45 Minuten, um sich ein Thema zu überlegen, dass er verwerfen musste. Und trotzdem fühlte er nicht, dass er die Zeit verschwendet hatte und gestohlen war sie auch nicht. Wenn man ganz bei sich ist, scheint die Sache mit dem Diebstahl für andere erschwert.
Der Gedanke gefiel ihm.
von Sinje Beck, Dezember 2011
Der Gedanke gefiel ihm.
von Sinje Beck, Dezember 2011
