Lieber Egmund

Lieber Egmund -

was bin ich froh über meine Schreibmaschine und dieses Blatt Papier. Das scheint mir hier das einzig Reale. Das Unterwegssein, körperliche Unterwegssein, birgt hautnahe Erfahrungen in sich und die Gefahr, dass die Grenzen verwischen. Ich kann mich nicht entziehen und den Menschen in meiner Umgebung nicht. Ebenso wenig kann ich mich ihren Geschichten entziehen. Ihrer Mitteilsamkeit, die ich im Grunde schätze. Nur, wer weiß denn schon, wo hin eine Geschichte steuert? Einmal begonnen, ist da keine Möglichkeit mehr, dem Fluss ein Ende zu setzen oder ihn umzuleiten. Da ist keine Weiche, kein Knopf, also, meist ist da kein Knopf.
Der gestrige Abend begann mit der Frage: Sind wir vollzählig?
Ja, ich denke schon, sagte der Leiter der Truppe und ergänzte: Herr Rohr kommt wohl nicht, den habe ich eben in der Wilhelmstraße gesehen, dachte erst, es wäre eine Schaufensterpuppe. Er steht da, nackt.

Nie Anwesenden nicken wissend und man geht geschlossen in den neuen Saal, ihn auf seine Bespielbarkeit hin zu begutachten.

Als Zaungast dieser Versammlung verwundert das Verhalten der Personen ein bisschen. Im Nachhinein ist zu erfahren, dass Herr Rohr nicht ganz dicht ist. Der Kenner der Medizin sei, na ja, erkrankt. Und da er wisse, was man ihm verschreibe, würde er die Medikamente in Regelmäßigkeit absetzen.

Auffällig wurde Herr Rohr in einem Lokal, als er plötzlich zu Boden ging, sich bellend auf allen Vieren fortbewegte und einem Gast ins Bein biss.
Diesem Lokal ist er hin und wieder zugetan. Sitzt dort sinnierend auf der Treppe, mit nichts weiter als einem Schlips bekleidet, nach einem erfrischenden Bad im angrenzenden Bach - gerne auch im Herbst. Im Grunde eine gesunde Sache, wird sie doch oft als Abhärtung bei bestimmten Völkern gewertet.

Er sei ganz harmlos. Man hat ihn schon gesehen. Ein interessanter Mann, kann so gesagt werden. Er fällt auf, auch wenn er nicht auffällt. Allein dadurch, dass er einen Hut trägt. Einer, der, wie ich sagen möchte, ganz bei sich wirkt - also eher eine Seltenheit. Das ist meine Einschätzung, die sich aus meiner Beobachtung in dieser Gegen speist. Über meinen Eindruck habe ich lieber geschwiegen.

Außerdem sieht er anders. Er sieht blauen Regen, der in die Köpfe der Passanten fällt. Regen, den die anderen nicht sehen. Wenn sie aber Herrn Rohr sehen, mit einem blauen Schirm, dann wissen sie Bescheid. Herr Rohr wollte es auch einmal ganz genau wissen und mit einer Schere einer Frau den Kopf aufschneiden, um zu sehen, was drinnen ist. Davon ausgehend, dass es allgemeines Interesse und kein männliches Dominanzverhalten war, durchaus eine interessante Frage, sofern es zuvor blau geregnet hat. Es sei hier versichert, dass die Frau etwas dagegen hatte und sich zu wehren wusste.

Das mit dem blauen Regen, lieber Egmund, das wollte mir dann nicht mehr aus dem Kopf. Denn ich schreibe dir aus einem Seminar heraus. Das muss ich dir erzählen. Vorne steht ein Mann, einer, der darüber berichtet, wie wichtig Kommunikation ist. Ein Experte in Sachen „Social Media“. Er sieht gut aus, der Mann, erinnert mich an einen berühmten deutschen Filmemacher - ich komm gerade nicht auf seinen Namen, er hat im Tanz der Vampire mitgewirkt. Der Mann vorne hat ein Headset an, betätigt einen Beamer per Funk, Wellen etlicher Handys stören bisweilen die Tonübertragung. Es knattert. Er berichtet darüber, dass man um die modernen Medien nicht mehr herumkomme, das networking, die communities. Meinungen machen und steuern. Nur 30 Minuten täglich und man habe - da schrie er laut auf, der Mann. Der Kommunikationsexperte erzählt im Vortragsstil, er wisse nicht, warum sein Herzschrittmacher plötzlich angesprungen sei. Der Zuhörerpulk weiß nichts mit dieser Kommunikation anzufangen und fragt sich, ob es zum Vortrag gehört und eine Art running gag platziert werden soll. Die PPP-Folien springen ebenso unkontrolliert, stets auf die Letzte, wo zu lesen ist: Vielen Dank.

Den Gästen wird gezeigt, wie sie aus einer geschätzten elektronischen Kommunikationszeit von 20 Stunden die Woche auf 30 Minuten täglich kommen können, wenn sie nur die folgenden Empfehlungen - ahhhrg - ein erneuter Schrei durch die Lautsprecher. Die Zuhörer fassen sich ans Herz, andere schlagen sich die Hand vor den Mund. Zeit zum Wundern bleibt kaum, da ein erneuter Schrei dem Kommunikationsexperten entweicht, er sich das Headset vom Kopf nimmt und den Vortrag abbricht. Ich glaube, er hat nicht mal 30 Minuten gebraucht, um über effektives Social Media zu referieren.

Die Moderatorin brauchte 30 Sekunden, um im Programm fortzufahren, als sei nichts gewesen. Alles wieder im Takt. Wenn das ein Versuchsaufbau war: ein Experte, ein elektrischer Impuls zu seinem Herzen, eine Propaganda für elektronisches-in-aller-Munde-sein, senden und empfangen, tackdadatackdadatack - summte es aus den Boxen in dem Raum, in dem sicher 80 SmartPhones on waren, alles zusammen ergab ein E-Schock und zeigte eine stumme Masse auf den Stühlen, eingepfercht in zu engen Sitzreihen. Vielleicht hatten die Veranstalter mit SmartPeople gerechnet, nicht mit Fettzellen.

Die Vielen Dank-Folie kam nicht mehr. Der Mann hatte einen Knopf. Anders als Herr Rohr. Wenn sie sich ihn vorknöpfen und er sich entziehen kann, macht er das. Ich frage mich - über wen schütteln die Menschen ihren Kopf?

Von den kleinen Exemplaren mit den schmalen Augen und der noch schmaleren Zeit erzähle ich ein anderes Mal, wenn du magst.

Ach so, Herr Rohr kam mir am Abend noch entgegen. Mit Schlips, Hemd, Hose, Jacke, Schuhen an den Füßen, einem Eimer in der einen und einem Stuhl in der anderen Hand. Auf dem Kopf ein Strohhut. Es regnete.

Gerne wäre ich jetzt bei dir.

Liebe Grüße -

Deine Evi.