Nur eine Handvoll

Auch so ein "kannste mal eben". Kannste mal eben noch ganz schnell einen Kurzkrimi schreiben, den man im Musikunterricht mit Geräuschen hinterlegen kann. Wir brauchen das für eine Gruppenarbeit. Morgen. Sagt der Sohn. Okay, Finger durchgebogen und an die Tastatur. Kurz später: Wow, das hat Spaß gemacht! Also, mir schon mal. Dem 13jährigen gefiel es auch. Doch die Mitschüler hätten lieber was mit "Regen" drin gehabt, sagt er einen Tag später. Sag ich: Dann schreibt den doch rein. Nö, sagt der Sohn, ich mach jetzt gar nichts mehr ;-).

Gruppenarbeit - Wer erinnert sich nicht. Aber nun - hier der Kurzkrimi. Nix ist umsonst oder vergebens.

Nur eine Handvoll ... Noten - oder vom Verschwinden einer kleinen Nachtmusik

Wir schreiben das Jahr 1787 und befinden uns in Wien. Der Frühling zwitschert
durch die Straßen der Stadt. Dem Tod des Vaters folgt die Geburt einer Enkelin.

Hektisch und verzweifelt mittendrin, der Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart.
Seine Frau, Constanze Weber, kugelrund und zickig, rauscht durch die Zimmer und ruft nach der Hebamme.

Wolfgang versucht sich zu konzentrieren - eine Winzigkeit fehlt noch, um den Don Giovanni mal etwas anders als gewohnt zu spielen: „Herrgott noch mal, ich kann hier heute keinen klaren Gedanken fassen!“, ruft der Meister und rudert mit dem freien Arm zum Weinkrug, um sich nachzufüllen. Leer!

„Magda!“, ruft er nach dem Dienstmädchen, „Magda, Himmel, noch eins! Fülle nach!“
Magda, die schüchtern den Kopf ins Zimmer gereckt hat, zieht ihn schnell wieder zurück.

Es läutet an der Tür. Klar, dass das Dienstmädchen erst mal aufmachen muss.
Draußen steht Antonio Salieri. Magda, die noch jung, neu und unerfahren im Hause Mozarts ist, weiß nicht, dass dieser elegante Herr mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck kein Freund ihres Herrn ist. Ahnungslos lässt sie ihn rein. Schnell läuft sie, den Wein aus dem Keller zu holen.

Es klingelt erneut an der Tür. Die Hebamme ist gekommen. Von oben schreit die Herrin ihre Wehen in die Wiener Luft.

Magda, die nicht mehr weiß, was sie eben noch tun wollte, begleitet die Hebamme nach oben. Dort sieht sie aus dem Augenwinkel, wie der Besucher von eben, in der Arbeitskammer Mozarts verschwindet. Sie schimpft sich innerlich, hätte sie den Gast doch ankündigen müssen. Während sie die Hebamme zur Herrin begleitet, dabei den Weinkrug mit sich tragend, hört sie nicht nur die werdende Mutter schreien, sondern auch den Vater.

„Wo bleibt der Wein?“ Wolfgang kommt Magda auf der Treppe entgegen und entreißt ihr den Krug. Magda, die sich entschieden hat, sich heute über nichts mehr in diesem Haus zu wundern, entschuldigt sich mit einem Knicks und eilt zum Ruf der Hebamme: „Heißes Wasser!“

Auf dem Weg in die Küche sieht sie, wie sich Antonio Salieri leise durch die Tür in die Gasse nach draußen drückt. Kaum ist die Magd mit dem heißen Wasser oben, brüllt es erneut. Aus zwei Ecken!

„Ahhhh - gut so, nur noch einmal!“, ermuntert die Hebamme.

„Ahrggg - meine Noten, wo sind meine Noten!“, wütet der Komponist.

„Hmmhmmm“, summt Magda und schleicht sich auf Zehenspitzen die Treppe hinab, um Handtücher zu holen.

„Ahhhh!“, hallt es erneut von oben. „Ein Mädchen! Sie haben ein Mädchen geboren.“

„Wer war hier! Es muss einer hier gewesen sein. Ich vermisse die Noten, genau hier haben sie gelegen.“ Wolfgang Amadeus Mozart hat am Abend ein Konzert und braucht die Noten zur „Kleinen Nachtmusik“. Das Stück soll eine Zeremonie in der Freimaurerloge begleiten - aber im Geheimen. Niemand hat diese Serenade jemals zuvor gehört. Niemand!

Mozart klappert geräuschvoll die Treppe in die Küche hinunter. Er und Magda rennen sich beinahe um. Er packt sie bei den Schultern und schüttelt sie leicht durch. „Magda, wer hat geläutet - vor der Hebamme?“ Die völlig verschüchterte Dienstmagd stammelt etwas von einem Herrn und dass sie denke, er sei bei ihm gewesen.

„Salieri“, ruft Wolfgang und will die Pferde anspannen lassen um dem Mann zu folgen, der sich als sein Konkurrent sieht.

Ein kräftiger Schrei durchfährt das Haus und lässt die Bewohner die Luft anhalten. Kurz setzt Stille ein.

„Wolferl“, ruft Constanze. „Komm, sieh dir unser hübsches Mädchen an - und welch kräftige Stimme sie hat!“

Mozart unterbricht seine Notenjagd und man könnte meinen, er habe ein schlechtes Gewissen. Bekommt ein Kind geschenkt und hat nur die Musik im Kopf! Im Schlafzimmer der Gattin legt ihm die Hebamme das Kind in den Arm.

Magda hastet mit den Handtüchern hinterher, die ihr von der Hebamme mit einem schimpfenden Blick entrissen werden.
Schnell will sie das Baby in Tücher wickeln, da sie es in der Not und weil dieses Dienstmädchen nicht kam, schnell in irgendwas auf dem Tisch gewickelt hat. Da hat Wolfgang es schon gesehen.

Die kleine Nachtmusik spannt sich um den Popo seiner Tochter.