Lieber Egmund

Lieber Egmund -

heute will ich dir von einer weiteren Etappe meiner Reise berichten. Ich hoffe natürlich, dir geht es gut. Mir jedenfalls geht es gut, so einigermaßen. Das Wetter ist wie erwartet. Es spiegelt die Seele, hier im Land der kleinen Männer. Das müsstest du sehen, sie sind wirklich alle ein wenig kleiner als bei uns. Aber nicht wirklich. Vielleicht fällt es mir nur auf, weil ich als Reisende Zeit habe. Die Tage hier beginnen immer gleich. Einerseits gut, andererseits,

stelle ich mir vor, könnte es auf Dauer langweilig werden. Doch, du glaubst es nicht, den Menschen hier fällt das gar nicht auf. Sie funktionieren wie die Uhrwerke, scheint es. Allerdings, selten ist mal jemand herausragend. Herausragend freundlich. Das vertrauensvollste in dieser Atmosphäre ist die Beständigkeit. Alles scheint nach einem gewissen Plan zu laufen. Möglicherweise ist es da wie überall. Machtgefälle werden gefälligst bedient. Neulich, ich musste meine Genehmigung verlängern, wartete ich geduldig darauf aufgerufen zu werden. Man musste eine Nummer ziehen und wurde in einen grauen Warteraum geschickt. Die Tür stand einen Spalt offen und ohne es zu wollen wurde ich Zeugin eines Gesprächs.

Haben Sie eine Schachtel? Nein. Haben Sie irgendwann einmal eine Schachtel besessen? Nein. Wissen Sie, was eine Schachtel ist? Jo. Hatten Sie in dem Land, aus dem Sie kommen, eine Schachtel gehabt, die hier nicht anerkannt wird? Jo. Was war das für eine Schachtel? Rot. So rot wie diese hier. Nein, mehr so braun. Diese Farbe gibt es hier nicht. Könnten Sie sich vorstellen, hier auch so eine Schachtel zu haben, so eine ähnliche? Nein. Will ich nicht. Was wollen Sie denn für eine Schachtel? Egal, aber groß muss sie sein. Haben Sie denn die Möglichkeiten, eine große Schachtel zu transportieren und zu besitzen? Nein - dachte ich, ich bekomme hier. Was? Möglichkeit. Also, wenn Sie eine große Schachtel haben möchten, müssen Sie diese Formulare ausfüllen. Können Sie lesen und schreiben? Nehme ich mit nach Hause, macht meine Frau. Das geht nicht. Sie müssen selbst in der Lage sein, die Formulare auszufüllen. Ist gut. Ich versuche. Ah, gut. Hiermit beantragen Sie nach § 16015 die Förderung einer Beförderung für eine große Schachtel. Das ist Ihr gutes Recht. Danach beantragen Sie den Förderantrag auf Beantragung für Förderung der großen Schachtel. Ich werde die Anträge weiterleiten, und wir werden sehen. Sie müssen in der Zwischenzeit nachweisen, dass Sie in der Lage sind, eine große Schachtel zu haben. Dazu füllen Sie bitte diese Nachweise aus. Gut, habe ich von meinem Schwager gehört, wie das geht. Kenne ich das Muster für Kreuze. Hiermit erklären Sie sich also bereit, innerhalb der nächsten Monate Ihrer Nachweispflicht zum Nachweis der Möglichkeit zur Inanspruchnahme einer großen Schachtel nachzukommen. Jo. Wann kriege ich Schachtel? Da müssen Sie sich gedulden.

Und dann passierte folgendes: Ein kleiner Mann in einem gut sitzenden Anzug ging in das Büro. Es wurde getuschelt und dann kam der eine Mann heraus und trug eine Schachtel unter dem Arm. Eine kleine Blaue. Gefolgt von dem Anzug.

Der sagte zu mir, dass heute nichts mehr beantragt werden könne. Ich solle morgen wiederkommen. Vielleicht ginge es morgen.

Beim Aufstehen sah ich den anderen Mann, der noch zunächst ratlos im Büro saß. Er drehte seine Mütze in den Händen, schaute mich fragend an, lächelte einen Moment, stand auf, setzte sich hinter den Schreibtisch, lud mich mit einer freundlich Geste ein, vor dem Tisch Platz zu nehmen und fragte: Haben Sie eine Schachtel?

Ich sitze hier oben auf einer schmalen Terrasse mit Blick über das Meer und überlege, morgen abzureisen. Vielleicht, vielleicht geht es morgen.

Liebe Grüße -

Deine Evi