Lieber Egmund
Lieber Egmund -
vielen herzlichen Dank für deine letzten Zeilen. Jetzt ist es an mir, mich erst einmal zu entschuldigen, dafür, mich so lange nicht gemeldet zu haben. Wie du weißt, wollte ich schon längst auf dem Weg sein. Es ist etwas dazwischen gekommen.
Ich habe das Angebot eines Freundes angenommen, mich in seiner Abwesenheit um sein Haus zu kümmern. Auch habe ich sein altes Auto übernommen, ein Cabrio, mit dem ich zurück fahren möchte, sobald ich hier weg komme. Hier weg aus diesem Land in dem ich eine Fremde unter Fremden bin. Das Haus liegt in einem Viertel, wo die Menschen nur scheinbar Grundzüge einer gemeinsamen Sprache sprechen. Und ebendies scheint ein Grund für das Ereignis zu sein. Du kennst mich. Du sagtest einmal, es sei schwierig mit mir nicht auszukommen. Doch ich musste mich selbst wundern, diesmal kam ich an meine Grenze. Vielleicht war es eine notwendige Grenze?
Ich überschreibe dieses Kapitel meiner Reise mit:
Der Einfall
Der Einfall im Ergebnis: Wer klingelt ist schuld und wer schuld ist bezahlt.
Der Einfall vor dem Ereignis: Sieben kleine Menschen unterschiedlicher Herkünfte, die allesamt auch zugereiste sind, spielen um das Haus herum Verstecken. Dabei beziehen sie das Carport in ihr Spiel mit ein. Einer von ihnen muss dabei das Rückleuchtenglas des Cabrio kaputt gemacht haben. Es war wohl der Schwerste, wie im Nachhinein die Vermutung liegt. Mit im Carport ist ein kleinere Junge, der Leichteste (15 Kilo). Die Bande spielt weiter, doch einige scheint das Gewissen zu plagen. Einer klingelt, nennen wir ihn Ehrlich. Alle gestehen, dass sie etwas beschädigt haben und einigen sich auf den Leichtesten. Ich sage noch, alles kein Problem, wenn ich es selbst repariere, kostet es nur wenig. Offen, so nenne ich mal das Nachbarskind, geht mit dem Leichtesten und mir zu selbigem nach Hause und wir erklären was passiert ist, dann brüllen die 15 kg wie aus 1000 Kehlen, schreien und weinen, sie seien es nicht gewesen, der Schwerste sei es gewesen. Alles wickelt sich in einer Sprache ab, die ich nicht verstehe, ich bin auf die Übersetzung von Offen angewiesen. Die Tränen und das Geschrei verstehe ich, auch was es sogleich bei der Tante des Leichstesten auslöst. Sie ist auch nicht aus der Stadt, sie ist zu Besuch, nennen wir sie Daneben. Sie fragt Offen, warum wir denn dann zu ihnen kämen. Daneben fragt zudem auch in einer Sprache, die ich verstehe, ob ich gesehen hätte, wer es war, sage ich: nein, habe ich nicht, die Kinder haben es so erzählt und sie waren wegen der kaputten Leuchte ein wenig betreten, da es ein Versehen war.
Auflauf am Carport. Wo es darum geht, das der Schuldige das Geld bezahlen soll, oder beide, da der Schwerste nicht davon abweicht, der Leichsteste habe das Leuchtenglas zerdeppert. Schließlich will es niemand mehr gewesen sein. Du weißt, mir geht es nicht um die Kosten, mir geht es darum, dass ein jeder zu dem steht, was er anrichtet. Dieses Ansinnen hat auch meine Reisetätigkeit überdauert und nichts daran geändert.
Kommt Opa vom Leichtesten und Vater von Daneben, er hat nur noch zwei Zähne im Unterkiefer, und rupft an der noch einwandfreien Leuchte und meint, das könnten die Kinder nicht gewesen sein: War schon kaputt, sagt er mit einem schiefen Lächeln wie ein Schlachter, der sich auf die Wurst freut. Sag ich, verflixt, nein, sage ich nicht, verbitte mir aber diese Unterstellung, weil es ja die Kinder waren, die selbst sagten, sie seien es gewesen. Aber wer? Der Leichteste hat mit Aufkommen des Zweizahn das Weinen wieder aufgenommen. Der Schwerste lügt sich raus, die anderen verteilen sich auf ihre Häuser. Sagt Daneben, ich solle Zweizahn nicht so ernst nehmen. In dem Moment, als sich unser gegenseitiges Lächeln und freundliche Blicke triffen, gibt es den Sekundenbruchteil, der eine mögliche Verständigung ankündigt. Dieser Bruchteil steht für die Option: Eine gemeinsame Lösung ist möglich.
Eine Stunde später klingelt es, kommt Vater des Leichtesten, ein kleiner Mann mit breitem Brustkorb mit Daneben, seiner Schwester. Der kleine Mann sagt, das gleiche wie Opa sagt und Daneben sagt gar nichts mehr. Kleiner Mann will wissen, wer geklingelt hat. Der Namen Ehrlich fällt. Dann muss Ehrlich bezahlen, sagt kleiner Mann. Jetzt werde ich neugierig, weil ich sicher wissen will, wie sich diese Logik aufbaut. Ich überprüfe also meine These und sage: Offen war auch dabei.
Sagt kleiner Mann, dann muss eben Offen bezahlen oder beide. Oder die Polizei solle eingeschaltet werden. Er selbst habe geschlafen, sagt er auch noch und streicht sich das Haar glatt. Daneben wirft nun vor: Warum ich die Kinder überhaupt hier spielen lasse. Wir lächeln und schauen uns nicht mehr an. Die Kinder sind sich nun soweit einig, dass der Schwerste es gewesen sein muss, der verstrickt sich in Lügerei. Erzählt noch etwas von Irgendwem, der erst neulich einen Ball ins Carport geschossen habe. Kommt seine Mutter dazu, und versteht nix, erzählt was von im Urlaub gewesen. Quasseln alle durcheinander.
Sagt Daneben, ich müsse dann eben sieben Rechnungen schreiben und dann müsse eben jeder einen Anteil bezahlen. Ich bin enttäuscht, hatte ich wohl zu viel in den Sekundenbruchteil vor sechzig Minuten gelegt? Sage ich: ich glaube es hackt, geht weg.
Alles geschah just an dem Tag, als ich eine Arbeit fertig schreiben wollte, was durch dieses babylonische „الطعام“ nicht möglich war. Während der eine kleine Mann schlief, ich mich mit den sieben kleinen Jungen herumschlagen musste, gab es für mich einen Termin zu wahren. Das hat mich mental mitgenommen - physisch dageblieben. Ironie!
Die Geschichte erzählte ich dem Nachbarn, der nachfragte, was geschehen sei. Er ist der Vater von Offen. Ein stattlicher großer Mann, wir sprechen die dritte Sprache. Jeder von uns auf seine Weise. Wir verstehen uns. Sein Name heißt übersetzt Führer Sorglos. Der lachte und sagte: Ey, stell dir mal vor, kommt einer und klingelt und sagt, da hinten ist einer ermordet worden, sagst du, komm rein, ich ruf die Polizei, du hast geklingelt, du bist schuld, wirst es wohl gewesen sein, wer klingelt zahlt.
Der Schwerste, der früher oft hier zum Essen war mit den anderen Kindern, kommt nicht mehr.
Oh, es klingelt, das wird der Bote mit dem Leuchtenglas sein, das ich bestellt habe.
Wenn alles klappt, kann ich schon nächste Woche hier weg fahren. Vielleicht klappt ja diesmal alles. Meine Papiere habe ich, das Auto repariere ich noch, die Reisekasse, na ja, vielleicht bekomme ich noch den Auftrag, obwohl der Termin sehr knapp war.
Liebe Grüße -
Deine Evi
